Advent & Weihnachten


Es ist ein Ros entsprungen

Kaum ein Lied ist derart mit den festlichen Momenten der weihnachtlichen Bescherung verbunden wie „Es ist ein Ros entsprungen“. Es mag wohl keine mittelmäßige Weihnachts-CD geben, auf der man das Lied nicht finden kann. Schlimmer noch, es mag wohl auch keinen Supermarkt geben, in dem man nicht frühzeitig mit selbigem beschallt wird. Dieses „totspielen“ wird dem Gehalt des Stückes aber in keiner Weise gerecht. Und wieso hält sich ein über 400 Jahre altes Lied überhaupt so gut?

Es mag für die außerordentliche Qualität der Melodie sprechen, daß es bis heute nichts an seiner Faszination verloren hat und schon nach den ersten Tönen in den Meisten von uns die bekannten, wohligen Weihnachtsgefühle abrufen kann. Bei genauer Betrachtung zeigt sich eine geniale Einfachheit. Zunächst ist die Form leicht fasslich: in Abfolge A-A-B-A werden die Strophenzeilen lediglich auf zwei Elemente beschränkt. Und kommen einem die Tonwiederholungen des A-Teils nicht bekannt vor? Erinnern diese nicht an rezitierte Psalmodien? Welch‘ wunderbarer Erzählcharakter! Der einmalig auftretende und auf eine Zeile reduzierte B-Teil hingegen überrascht mit seinem Abstieg. Eine ganze Oktave tiefer erklingt hier der Schlusston gegenüber den anderen Zeilenanfängen. Geradezu dunkel färbt sich der Charakter, die Musik impliziert uns ein Innehalten. Steigt hier Gott vom Himmel herab und erniedrigt sich? Werden wir als Sänger dieser Zeilen dort nicht durch die Musik zum demütigen Staunen bewegt?

Hier lohnt insbesondere ein Blick auf den Text. Und hierbei sollte man vor allem die ursprüngliche Zweistrophigkeit des Liedes betrachten. Uns mögen die floralen Allegorien rätselhaft erscheinen, die Rezipienten der Entstehungszeit hingegen konnten aus dem reichen Fundus mittelalterlicher Deutungen schöpfen. Dennoch: die Rätselhaftigkeit ist intendiert, es handelt sich gerade um ein Rätsellied! Hieraus erklärt sich auch die Sinnhaftigkeit der zwei Strophen. Die erste stellt das Rätsel, die zweite löst es auf. Verbunden werden beide über den Vokal „a“, der sich in jedem Wort der Zeilenschlüsse findet. Die Grundlage findet sich in Jesaja und wird in der erste Strophe meisterlich aufbereitet (Jes 11, 1-2): „Doch aus dem Baumstumpf Isais wächst ein hervor, ein junger Trieb aus seinen Wurzeln bringt Frucht“. Was ist hier gemeint? Die zweite Strophe präsentiert uns die Lösung: der Reis („Ros“, hier „Röslein“, damit ist nicht die Rose gemeint) ist Maria (man beachte hier die klangliche Nähe des lat. „virga“ und „virgo“, Reis und Jungfrau), das Blümlein ist Jesus. Doch die vermeintliche Lösung spricht seinen Namen nicht aus. Fehlt etwa die Kernbotschaft eines Weihnachtsliedes? Handelt es sich gar um ein Marienlied (immerhin wird die Jungfräulichkeit gleich zweimal erwähnt)?

Kongenial bildet die zweite Strophe gleichsam einen spiegelbildlichen Aufbau in dessen Mitte Gott steht. Der Illustration wegen mag ich die Zeilen drei bis sieben der letzten Strophe abbilden:

(…)

ist Maria die reine,                                                    Maria

die uns das Blümlein bracht                                              Jesus

Aus Gottes ewgem Rat                                                               Gott

hat sie ein Kind geboren                                                    Jesus

und blieb doch reine Magd.                                     Maria

Man mag ob der gelungenen Dichtung staunen! Modern gesprochen: weniger ist mehr, und Hermann Kurzke fasst prägnant zusammen: „Aber das Lied hat im Grunde nur zwei Strophen: Eine, die das Rätsel stellt, und eine, die es löst. Alles Weitere stört.“


Q: Geistliches Wunderhorn und Hermann Kurzke: Ein verborgener Prinz, FAZ vom 23.12.1995

Autor: Christian Hesse


Heilig Abend - A Festival of Nine Lessons and Carols

Die englische Weihnachtstradition ist ohne die reichhaltigen „Christmas Carols“ kaum denkbar. Diese Weihnachtslieder, überwiegend mit geistlichem Hintergrund, begleiten die Festzeit seit mehreren hundert Jahren, und erblühen seit der (englischen) Reformationszeit. Die ältesten heute noch gesungenen Carols datieren überwiegend aus dem 16. und 17. Jahrhundert, darunter „Coventry Carol“ oder auch „God rest ye merry, gentlemen“. Für eine weite Verbreitung sorgen ab dem 19. Jahrhundert Liederbücher mit alten und neuen Carols. Zu den bekanntesten Liedern aus dieser Zeit zählen beispielsweise „The First Noel“ oder (obwohl der Text bereits ein Jahrhundert früher zu einer heute weitgehend unbekannten Melodie entsteht) „Hark! The herald angels sing“. 1928 erscheint dann erstmals das heute noch verlegte „Oxford Book of Carols“, für welches sich unter anderem Ralph Vaughan Williams verantwortlich zeigte. Seit den 1960er Jahren werden unter dem Titel „Carols for Choirs“ mehrere Bände mit Weihnachtsliedern veröffentlicht, deren Urheber zu den wichtigsten englischen Komponisten des 20. Jahrhunderts gehörten (wie William Walton oder Benjamin Britten). Hierbei finden sich neben Neukompositionen auch Arrangements alter Literatur. Zu den bekanntesten Komponisten und Arrangeur von Carols gehört gegenwärtig sicher John Rutter, dessen Schaffen auf mehreren Tonträgern dokumentiert ist.

Doch diese Carols wären bloß Weihnachtslieder, wenn sie nicht einen besonderen Platz in der - vor allem anglikanischen - Liturgie hätten.

Das „Festival of Nine Lessons and Carols“ bildet hier den Höhepunkt an jedem 24. Dezember. 

Hierbei werden in einem Gottesdienst im Wechsel neun Lesungen (die Lessons) mit neun Weihnachtsliedern (die Carols) kombiniert. Diese seit den 1880er Jahren gepflegte Tradition findet wohl am „King’s College“ in Cambridge ihren bekanntesten Aufführungsort. Seit 1918 wird hier dieser Gottesdienst gefeiert, dessen Ablauf seit 1919 unverändert geblieben ist. Nach der Prozession zu „Once in Royal David’s city“ erfolgen Lesungen, die von Sündenfall und Ankündigung den Bogen zu Christi Geburt und der Erlösung spannen. Seit 1983 wird jedes Jahr ein Carol speziell für diesen Anlass komponiert und im Gottesdienst uraufgeführt. Die BBC überträgt den Gottesdienst in Radio und TV. Die Aufzeichnung von 2015 lässt sich hier ansehen.

Spektakulär ist es sicher, den Gottesdienst in der King’s College Chapel live zu verfolgen. Der Eintritt ist immerhin frei. Karten gibt es hierfür allerdings keine. So muß man sich rechtzeitig am College einfinden um einen der ca. 600 Plätze zu ergattern. Die Tore öffnen um 7:30, und die Erfahrungen der letzten Jahre zeigen, daß man gute Chancen zur Teilnahme hat, wenn man sich bis ca. 9:00 in der Schlange eingereiht hat. Einlaß in die Kapelle ist allerdings erst um 13:30, der Gottesdienst beginnt um 15:00 und dauert etwa 90 Minuten. Wer keinen Campingstuhl mitbringt benötig also einiges an Ausdauer! Immerhin, die Wartenden werden von Sängern des Chores unterhalten und man informiert frühzeitig, wenn die Kapazitäten erschöpft sind. So muß wenigstens niemand umsonst anstehen.


Noten: King’s College Cambridge

Autor: Christian Hesse


Mariä Empfängnis - Bossis Ave Maria

Salò am Gardasee, Como am Comer See, Neapel am Tyrrhenischen Meer. 

Was haben diese drei Städte gemeinsam? 

Sie liegen alle am Wasser: offensichtlich; sie sind Teil des italienischen Stiefels: selbstverständlich; sie beherbergen je eine Kathedrale: nicht verwunderlich; die der Gottesmutter Maria geweiht ist: durchaus üblich. 

Typisch für sakrale Neubauten im Stile der mediterran geprägten Gotik ist das marianische (Zusatz-)Patrozinium. Die christliche Spiritualität des Spätmittelalters, sowie sie von den neu entstandenen Orden der Zisterzienser, Dominikaner und Franziskaner oder mystisch geprägten Bewegungen, wie beispielsweise der ‚Devotio moderna‘, gelebt und vorgelebt wurde, räumte der Gottesmutter Maria einen exponierten Platz ein. Diese Entwicklung führte in der Folgezeit soweit, dass Maria nicht mehr ausschließlich christologisch definiert wurde. Sie bekam vielmehr einen eigenen Stellenwert. In der bildenden Kunst - dort wo Maria plötzlich auch ohne Christuskind abgebildet werden konnte - war dies für jedermann einsehbar. An den dahinterstehenden theologisch-tektonischen Verschiebungen ließ man sich die Reformatoren reiben, ohne dass die römische Kirche sich vom Kurs hätte abbringen lassen. So steuerte man zielgerichtet in den Hafen des marianischen Jahrhunderts, welches Pius IX. am 8. Dezember 1854 mit einem Paukenschlag, namens „Ineffabilis Deus“ eröffnete und Pius XII. am 1. November 1950 mit dem Schlussakkord „Munificentissimus Deus“ quasi beendete. Und weil die beiden damaligen Päpste sich auch noch den Namen teilten, nennt man den Zeitraum unter anderem die „Pianische Epoche“ - denn sie waren Legion. 

Jenes Jahrhundert war mehr als jede andere Epoche von marianischer ‚pietas‘ geprägt. 

Und in eben jenem Jahrhundert wirkte ein Organist und Komponist, der mehrere von diesen Pii erlebte und überlebte und dessen Wirkstätten eingangs bereits genannt wurden: Marco Enrico Bossi

Eine Menge seiner musikalischen Opera entsprechen konsequent dem damaligen (ekklesialen) Gusto. Neben seinen vokalen Werken trägt auch seine Instrumentalmusik fromme Bezeichnungen,  wie: „Preghiera“,„Rédemption“, „Invocazione“, oder marianische Überschriften, wie: „Angelus“, „Canzoncina a Maria Vergine“ und „Ave Maria“ … darunter auch jenes aus seinem Opus 104 in F-Dur


Noten: 5 Stücke op. 104 No. 2

Autor: Stephan Wenzel


2. Advent - Graupners Kantate II

Vier Jahre nach seiner ersten Kantate zum Advent, liefert Christoph Graupner 1726 die Fortsetzung zum Zweiten Advent  „Heulet, denn des Herrn Tag ist nahe“. Der Grundton bleibt der gleiche, der Duktus hingegen wird zu noch größerer Ernsthaftigkeit gesteigert. 

Um dem „galant Homme“ einen Begriff von der hier zugrunde liegenden Tonart zu geben, mag ein kurzer Blick in das 1713 von Johann Mattheson „Neu-eröffnete Orchester“ hilfreich sein. Dort schreibt er über eben jenes f-Moll, dass es „scheinet eine gelinde und gelassene / wiewol dabey tieffe und schwere / mit etwas Verzweiflung vergesellschaffte / tödliche Hertzens=Angst vorzustellen und ist über die massen beweglich. Er drücket eine schwartze hülflose MELANCHOLIE schön aus / und will dem Zuhörer bisweilen ein Grauen oder einen Schauder verursachen.“ 

So transformieren schon die ersten gestanzten Akkorde des Eingangschores den Jesaja-Vers (13,6) „Heulet, denn des HERRN Tag ist nahe; er kommt wie eine Verwüstung vom Allmächtigen“, in eine schwermütige Intensität, deren mahnender Charakter ebenso bedeutungsvoll das eschatologische Moment des Advents ausdrückt, wie der verspielte und mit Flötenklang umspielte Schlußchoral „Wachet auf“ die freudige Erwartung des kommenden Weihnachtsfestes.  

Die Jetztzeit liegt in einem tiefen Hiatus zwischen dem ersten und dem letzten Kommen des Erlösers. Das Ziel ist verheißen, der Weg dahin unter menschlichen Umständen durchaus mühsam. 

Die Musik Graupners drückt zutreffend die Verbindlichkeit und Ernsthaftigkeit des Advents aus, die von Wachsamkeit und der daraus resultierenden Hoffnung geprägt sein sollte. Denn „die Unschuld scheuet keinen Richter, der ein gerechtes Urteil fällt.“ (III. Aria) 

So wie das drückende Moll dem zuversichtlichen Dur weicht, so „Eilt fort, ihr Jammertage“ (V. Aria). So wie die Musik sich von träg dumpfen Akkorden zu lebhaft verspielten Koloraturen hinbewegt, so soll auch der Hörende aus seinem Phlegma gerissen und dazu bewogen werden, dem Bräutgam Christus entgegenzugehen.   

 

Q: Heulet denn des Herrn Tag ist nahe, GWV 1102/26

Autor: Stephan Wenzel


1. Advent - Graupners Kantate I

Christoph Graupner komponierte im Jahre 1722 die Kantate zum Ersten Advent "Die Nacht ist vergangen“, im selben Jahr, als er sich durch Empfehlung Georg Philipp Telemanns auf die Stelle des Thomaskantors in Leipzig bewarb. Weil er aus Obrigkeitshörigkeit dann doch in Darmstadt blieb, wo er seit 1711 als Hofkapellmeister tätig war, konnte schließlich  der in Köthen unglücklich gewordene Johann Sebastian Bach nach Leipzig aufrücken. Auch dieser hat drei Jahre später eine Kantate geschrieben die einen antizipierenden Bezug auf Weihnachten hin hat und ebenso exponiert Hörner verwendet: „Wie schön leuchtet der Morgenstern“

Bei Graupner ist es lediglich ein Corno di Selva bzw. Corn du chasse, bei Bach tragen neben den beiden Hörnern die Oboen zuzüglich das jagdliche Attribut. In beiden Fällen bekommt die jeweilige Kantate eine besondere Note, die aufhorchen lässt. Und genau um dieses kommunikative Element, gleichsam eines Jagdhornes, soll es dann auch gehen. Angekündigt wird damit der kommende Tag, der die Nacht verdrängt. So wie Christus symbolisch als lichter Morgenstern die Nacht beseitigt, entmachtet er auch alles wofür sinnbildlich das Finstre steht: Trägheit, Sünde und Tod. Der angenehme Tag hingegen ist reich an Gnadengütern. 

Mit Weihnachten - der Geburt Christi, der Aufgang des Morgensterns - als Anfang der neuen Schöpfung, bricht das Helle sich letztgültig Bahn. 

Bach kündigt dieses Fest in seiner Kantate zum 25. März (Mariä Verkündigung) und Graupner in seiner Kantate zum Ersten Advent gleichermaßen an, so wie dies die markanten Hörner in diesen Werken auditiv versinnlichen. 

So wie Angelus Silesius in seinem bekannten Lied schreibt: 

“Morgenstern der finstren Nacht, der die Welt voll Freude macht, Jesus mein, komm herein,leucht’ in meines Herzens Schrein.“, 

so weißt auch die erste Arie der Adventskantate Graupners, mit den Texten von Johann Conrad Lichtenberg, darauf hin, dass alles im Herzen anbricht: der Tag der Gnaden, das erwünschte Licht, die wiedererstarkenden Kräfte. 

„Gott lässt sein Licht, sein Heil zwar aller Welt zum Trost entstehen; allein der meiste Teil mag nicht zum Dienst des Lichtes gehen. Der Sünden Sklaverei hält Seele, Herz und Sinn gefangen. Die Finsternis, die solche Kerker hegt, lässt keinen Schein des Lichts in sie gelangen. Bis endlich Satans Tyrannei den Sündenknecht in Höllenbande legt; doch würde dessen Macht die Menschen nicht so binden, wo sie nicht selbst mit Lust in seinen Diensten stünden.“ (2. Rezitativ). 

Diese Erkenntnis, dass der Mensch in aller ihm gegebenen Freiheit sich der Gnade versagen kann, drückt wiederum Angelus Silesius in seinem wohl berühmtesten Aphorismus noch kürzer und prägnanter aus:

„Und wäre Christus tausendmal in Bethlehem geboren, und nicht in dir: Du bliebest doch in alle Ewigkeit verloren.“

So spornt die folgende zweite Arie dazu an, die Seele zu rüsten, und zwar mit den sogenannten Waffen des Glaubens, „Stärke den Mut, dämpfe die Lüste“

Der Advent ist also eine Zeit der Vorbereitung. Die Bereitung zu einer seelischen und geistigen Disposition, den Erlöser überhaupt empfangen zu können. 

Was dieser Disposition entgegen laufen würde, wird im letzten Rezitativ in plastischer barocker Sprache dem Hörer vor den Latz geknallt: 

„Die Welt hält zwar den Kampf für Spott, sie will bei Hader, Neid, bei Unzucht, Fressen, Saufen, ganz frech in ihr Verderben laufen. Den Bauch macht sie zum Gott. Kein Gnadenruf, kein Wahrheitslicht mag sie von solchem Wesen trennen. Ach, welcher Jammer ist das nicht, dass auch die solches tun, die sich doch Christen nennen.“

Und weil die Verlockung der Fressbuden & Co. auf den Märkten im Dezember - ob sie sich nun das Etikett eines Advents-, Weihnachts- oder Christkindlmarktes anheften mögen - selbst für den Christenmenschen, trotz besseren Wissens, nur allzu groß ist, weiß der Schlusschoral zu besingen, dass nur Jesus Christ allein jener ist, „der solches kann ausrichten“. 

So wie die Nacht vergangen und der Tag nicht mehr ferne ist, kehrt in dieser Erdenzeit die Nacht dennoch wieder und wieder. 

Das ist der bleibende Unterschied zwischen dem irdischen Dasein und dem künftigen Heilsein.


Q: Die Nacht ist vergangen, GWV 1101/22

Autor: Stephan Wenzel